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Abgefahrene Technik im feinsten Zwirn: Ein Bericht von der Weltpremiere der neuen Mercedes-Benz S-Klasse



Gestern Abend wurde in den Hallen von Airbus in Hamburg-Finkenwerder die neue Mercedes-Benz S-Klasse vorgestellt. Wir waren dabei, als das neue Flaggschiff der schwäbischen Automobilpioniere der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde. Von Beginn an steht die S-Klasse für neue Technologien. Sei es der Dreipunktgurt, ABS, ESP, Navigation oder der Airbag, vor allem im Bereich aktive und passive Fahrsicherheit feierten Systeme in dieser Oberklassenlimousine Premiere, die es in den Folgejahren auch in die niedrigeren Kategorien geschafft haben und heute zum Standard gehören. Aber auch „Spielereien" wie der elektrische Fensterheber waren zum ersten Mal in der S-Klasse zu finden. Lest den Rest des Berichts nach dem Break.


Schwaben, Pioniere und dicke Taschen
Vorstandsvorsitzender Dr. Dieter Zetsche betonte oft genug, dass Mercedes-Benz in der Pflicht stünde, weiterhin das „beste Automobil der Welt" zu bauen. Die S-Klasse sei für die Firma das, was die „Mona Lisa für Leonardo da Vinci oder Satisfaction für die Rolling Stones" darstellten. Und trotz der globalen Automobilkrise setzen die Autobauer darauf, dass mit der neuen Generation mal wieder Maßstäbe gesetzt werden. Nachdem Mercedes den Maybach eingestellt hat, klafft nach oben hin eine Lücke, die es mit den Premiummarken wie Bentley oder Rolls Royce aufnehmen könnte. Daher setzen die Schwaben im Interiordesign auf gestepptes Leder, viel Holz, Hot Stone Massagesitze, eigene Duftwelten, Liegesitze und Klapptische, wie man es sonst von der Business Class aus Flugzeugen kennt. Die Wahl der Location war also nicht zufällig. Im technischen Bereich strotzt das Auto vor Neuheiten und die wichtigste dürfte jene sein, was die Marke unter dem Namen „Intelligent Drive" zusammenfasst. Ein Zusammenspiel aus Dutzenden Assistenzsystemen, Kameras, Radars und Sensoren, die ein quasi autonomes Fahren ermöglichen. Im Stau kann sich das Auto alleine im Stop and Go bewegen, indem es sich per Distronic Plus an den Vordermann „hängt". An Kreuzungen werden Fußgänger oder Radfahrer erkannt und vor einer möglichen Kollision die Bremse betätigt. Wird die Außenlinie an der Autobahn touchiert regelt das ESP das Auto wieder zurück auf die Spur. Selbst leichte Kurven kann die S-Klasse ohne Hand am Steuer einschlagen, befindet sich allerdings länger als zehn Sekunden keine Hand am Steuer, fordert ein Signal auf, das Steuer wieder zu übernehmen. Das autonome Auto ist mittlerweile also möglich, vor allem rechtliche Fragen lassen uns aber noch nicht zeitungslesend über die Landstraße fegen. Ein weiteres spannendes Feature ist das so genannte Magic Body Control. Zwei Kameras in der Windschutzscheibe, scannen permanent die Straßenverhältnisse vor dem Vehikel (Road Surface Scan), um bei einem Schlagloch oder ähnlichen Unebenheiten, das Fahrwerk so einzustellen, dass in dem Moment des Zusammentreffens der Passagier nichts davon mitbekommt. Fast klar, dass solche Funktionen nicht serienmäßig kommen. Da das Kassengestell aber bereits 80.000 Euro kostet, wird man sehen müssen, wer sich dieses i-Tüpfelchen noch leisten wird. Aber wer's hat, hat ja nie genug. Oder so ähnlich.




High-Tech und spezielle Gadget-Spielereien
Ebenfalls ist die neue S-Klasse das erste Automobil, das vollständig auf Glühbirnen verzichtet. War in den vergangen Jahren der Bohei um Xenon-Lampen noch groß, befinden sich hier 500 LEDs (im Innenraum alleine um die 300). Vollständig neu entwickelt, wurde auch das Armaturenbrett, das aus zwei 12,3 Zoll großen Displays besteht. Mit MB-Apps lassen sich mit dem Smartphone (iOS/Android) Funktionen wie Sitzeinstellung, Klimaanlage, Entertainment und vieles weiteres einstellen. Da die S-Klasse über ein eigenes WLAN verfügt, kann jeder der drei Passagiere sich ohne krumm machen zu müssen, alle wichtigen Features vom eigenen Smartdevice bedienen. Die Implementierung von Google Maps, Facebook und Co. ist fast obligatorisch. Für den US-amerikanischen Markt ist es sogar möglich, Livestreams von umliegenden Trafficcams aufs Armaturenbrett zu spielen, um sich über die momentane Verkehrssituation zu informieren.



Tamtam
Die Show selber kam standesgemäß mit breiter Brust und voller Selbstbewusstsein. Trotz der internationalen Journalisten, wurde das Programm mit viel deutschem Kolorit versehen. Die Tagesthemen-Moderatorin Judith Rakers führte durch den Abend. Pro7-Mann Steven Gaetjen war als rasender Außenreporter zur Stelle. Die Hamburger Philharmoniker sorgten für die sinfonische Klanguntermalung. Im Video-Interlude wurden die großen Momente des Autos mit Szenen mit Konrad Adenauer, Peter Alexander, Helmut Kohl, Franz Beckenbauer (der war auch in echt da) und vielen anderen untermalt. Dass einzig für den Abend eine nackte Hangarhalle zum Auditorium umgebaut wurde, erschien dekadent. Aber die Reichen und Schönen der Oberliga haben schon andere narzisstische Spielereien abgeliefert und für die ist das Ding ja nun mal gedacht. Zum großen Finale hob sich die komplette Bühnenwand, The Stig (bekannt aus Top Gear) lehnte sich an einen SLS AMG, im Hintergrund ein Airbus A380 und dann vollzog sich wohl der pompöseste Karrenspießrutenlauf, den man sich vorstellen kann. Feuerwerk, Autoballett, Crescendo, einfahrende S-Klassen und eine schmucke Alicia Keys im Fond, die zum Abschluss mit dem Ensemble zwei ihrer Hits zum Besten gab. Ein gelungener Auftritt, trotz des plötzlich eintretenden Platzgewitters.

Die neue S-Klasse wirkt im Vergleich zum Vorgänger ein wenig schlanker, dynamischer, von der Linienführung ein bisschen weniger grafisch. Was sich bei der E-Klasse schon andeute, geht der Weg wieder hin zu kurvigem Karosseriedesign mit geschwungener Seitenlinie. Ähnlich wie beim CLS oder CLA hat das Heck einen tropfenähnlichen Abschluss. Die Heckleuchten erinnern ein wenig an Bentley. Das Gesicht ist weiterhin unverkennbar S-Klasse kommt aber relativ unprätentiös und dennoch sportlich daher. Auf dem ersten Blick meint man vor allem an der Kotflügelpartie den letzten Saab 95 zu sehen (RIP), aber auch nur kurz. Vom Design her ist die neue S-Klasse ein durchweg gelungenes Auto und ist vielleicht sogar die schönste S-Klasse der vergangenen zwei Dekaden. Man merkt aber auch, wie versucht wird, dem Geschmack des neuen internationalen Markts (USA, China, Russland, Indien sind so wichtig wie nie zuvor) im hochpreisigen Segment gerecht zu werden. So viel Bling im Innenraum gab es in den sonst recht nüchtern eingerichteten Karossen noch nie. Der sonst so präsente schwäbische Ingenieurs-Pragmatismus muss nun auch an die potentielle, Bulgari und Versace zelebrierende Kundschaft aus Russland und China denken.

Interessant ist, wann es die zahlreichen technischen Innovationen in die niederen Segmente schaffen werden. Auch Konzepte wie der Gurt-Airbag (Beltbag) scheinen nachhaltig zu sein. Die S-Klasse wird zuerst in vier Varianten kommen: S400 Hybrid, S500, S350 BlueTEC und S300 BlueTEC HYBRID. Der letzte verspricht gar einen Verbrauch von gerade mal 4,4 Litern auf 100 km. Autofahrer wissen aber auch, dass die Firmenzahlen im Regelfall von der Realität abweichen, dennoch ein Zeichen, dass Luxus nicht immer mit dekadentem Spritverbrauch gleichzusetzen sein muss. Die Mercedes-Benz S-Klasse ist in seiner Art wahrscheinlich perfekt, aber gibt es vielleicht auch so etwas wie zu perfekt? Das wird die Zukunft zeigen müssen und wie die Zukunft von Automobilität im Allgemeinen aussieht, das steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.


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