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Review: Samsung Galaxy S4

Ihr kennt die Basics, die Details, das Pro und das Kontra: Die Fachpresse war sich selten so einig über ein neues Smartphone von Samsung. Das kollektive Fazit: Ja, aber. Wobei der Teil vor dem Komma immer deutlich mehr Gewicht hat, als der dahinter. In beiden Satzhälften finden sich jedoch die immer gleichen Argumente. Vorbildliche Akkulaufzeit, tolle Kamera, sensationelles Display. Billiger Kunststoff, einfallsloses Design, Defizite bei der Software. Dem können wir uns bei Engadget nur anschließen. Wobei uns der letzte Punkt besonders beschäftigt.

Bildergalerie: Galaxy S4: Hands-On



Leider kein Titan: die Rückschale des S4
Design: It's a Galaxy, stupid!

Das S4 gleicht dem S3 wie ein bei der Geburt getrennter und dann ziemlich genau ein Jahr verschollener siamesischer Zwilling. Stimmt nicht, echauffieren sich die Fanboys und Fangirls, stimmt doch, sagen wir. Dabei ist es vollkommen egal, welche Kante jetzt abgerundeter ist als beim S3 oder ob ein Kunststoff-Band im Alu-Look (Hallo, BlackBerry Bold!) ein Mal um das Chassis herumläuft: Die Design-Sprache von Samsung wirkt beim S4 so ausdefiniert wie noch nie. Umsteiger finden sich sofort zurecht, haben nicht ein Mal zwingend das Gefühl, ein neues Telefon in der Hand zu halten. Die Vorderseite wird dominiert vom 5"-Display (mehr dazu später), dem physischen Home-Button im Breitbandformat und den Android-Knöpfen für Menü einerseits und den obligatorischen Schritt zurück andererseits. Wie diese Kombination funktioniert, weiß mittlerweile jeder, der jemals ein Galaxy in der Hand hatte. Samsung schafft es beim S4, das größere Display und die 2.600mAh starke Batterie in einem Gehäuse unterzubringen, das leichter und dünner ist, als das des S3. 130 Gramm ist es schwer und 7,9 Millimeter tief.


Ausdefiniert heißt aber auch: ausformuliert. Das bedeutet einerseits, dass sich Samsung für das S5 dringend etwas neues überlegen sollte, andererseits ist es aber auch ein ermunternder Klaps auf die Schulter der Design-Abteilung. Denn wenn man sich überlegt, in welch vergleichsweise kurzer Zeit dieses Design auf Perfektion getrimmt wurde, bleibt einem nichts anderes übrig, als anerkennend nach Südkorea zu nicken. Das Problem ist nicht das Design, sondern die Materialien. HTC hat diesen Schritt mit dem One bereits vollzogen.

Bildergalerie: Galaxy S4 vs. HTC One



Egal ob in der weißen oder, wie in unserem Fall, der "Black Mist"-Variante: Was vorne und auf den Seiten noch gut funktioniert, führt auf der Rückseite des Smartphones zur großen Enttäuschung. Man will es nicht in der Hand halten. Der Kunststoff der Rückverkleidung ist so dünn wie noch nie, ist glitschig, hat ein irritierendes Muster, dasaußerdem schnell mit Fingerabdrücken beschmaddert. Wir fordern keinen Unibody aus Aluminium, keine Rückseite aus Glas, einfach ein wenig Inspiration und Obacht bei der Materialwahl. Wer will denn ein 700-Euro-Smartphone in der Hand halten und dabei immer Angst haben, dass es einem runterfallen könnte, nur weil an diesem Tag zufällig mal 24° sind und man schwitzige Hände hat? Eben.


Auch ein Blick um das Gerät herum bringt keine Überraschungen. Der Ein/Ausschalter befindet sich auf der rechten Seite, die Lautstärkewippe links, unter sind das Mikro und der microUSB-Stecker untergebracht, oben die Kopfhörerbuchse. Neu hier: die Infrarotschnitstelle. Nicht gut gelöst ist die Position des Lautsprechers. Am unteren Rand der Rückseite, also dort, wo man meistens seine Finger hat, plärrt der Speaker - zum Glück, möchte man meinen - von einem weg. Absolutes Mittelmaß.


Das Display: She's like a rainbow

Genau wie bei allen anderen Komponenten muss sich das S4 aktuell vor allem mit dem HTC One messen, auch beim Display. Hier macht Samsung alles richtig. Es ist ein großartiger 5"-Bildschirm in voller HD-Auflösung (1.920x1.080 Pixel). Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass uns die Überzeichnung der Farben des Super-AMOLED-Panels nicht negativ auffällt. Vielleicht, weil zum ersten Mal seit langem die Sonne das Büro durchflutet und wir sowieso nach Farbenpracht gieren. Vielleicht aber auch, weil das Panel einfach anders kalibriert ist. Die Farben sind sehr kräftig, aber nicht übertrieben, die fulminante Auflösung tut den Rest. Das Rennen gegen HTC gewinnt Samsung nicht, verliert es aber auch nicht: Einen LCD mit einem Super AMOLED zu vergleichen, gehört sich einfach nicht. Außerdem "leiden" das S4 und das One unter dem gleichen Problem: der automatischen Einstellung der Helligkeit. Bei beiden Smartphones funktioniert das nicht verlässlich genug und wird prompt ausgeschaltet. Bei beiden Telefonen geht das auf die Batterieleistung, aber Samsungs kategorische Zu-niedrig-Einstellung und HTCs Helligkeitssprünge machen das eigentlich nützliche Feature zu einem Ärgernis anstatt zu einem verlässlichen Partner.


Kamera

Der 13-Megapixel-Sensor und vor allem die dahinter arbeitende Software, inklusive dem User-Interface, ist eines der größten und überzeugendsten Argumente für den Kauf de S4. Samsung portiert für das neue Smartphone viele Ideen der Galaxy Camera und die Ergebnisse sind durch die Bank überzeugend. Mit einer Ausnahme: Bilder bei schlechten Lichtverhältnissen. Hier liefert das HTC One die besseren Resultate. Das S4 braucht lange, um den Autofokus in Position zu bringen, die Bilder zeigen viel Rauschen. Bei Tageslicht jedoch spielt der Sensor seine Stärken aus. Die Software ist schnell, Einstellungen sind einfach vorzunehmen und die verschiedenen Modi, die Samsung anbietet machen tatsächlich viel Spaß und liefern überraschende Ergebnisse. Drama Shot, Bild mit Sound, animierte GIFs, HDR, Serienbild, Portrait-Optimierung: All diese Features bringen den Hobby-Fotografen in uns ein gute Stück voran.






Hardware & Performance

In Deutschland wird das S4 mit dem neuen Snapdragon 600 von Qualcomm als Prozessor ausgeliefert, der im Gegensatz zum HTC One jedoch mit 1,9 GHz und nicht mit 1,7 GHz taktet. Makulatur, wenn ihr uns fragt. Dazu kommen 2 GB RAM, 16 GB interner Speicher, eine 13-Megapixel-Kamera hinten und eine 2-Megapixel-Kamera vorne. Der tauschbare Akku bietet 2.600 mAH Leistung. Ein Wort noch zum Speicher. Verfügbar sind von den 16 GB lediglich 9,15 GB: nicht gerade viel und bei Apps, die mehr und mehr Speicher in Anspruch nehmen (Spiele!), sollte man sich gut überlegen, ob man nicht die 32GB- oder sogar die 64GB-Variante zulegen sollte. Via microSD-Karte lässt sich der Speicher des Telefons zwar erweitern, Apps können dort jedoch nicht geparkt werden. Das S4 verfügt außerdem über Bluetooth 4.0, NFC, WiFi, GPS und funkt natürlich auch in den neuen LTE-Netzen auf insgesamt fünf Frequenzen mit bis zu 100 Mbit im Download: 800 MHz, 850 MHz, 900 MHz, 1.800 MHz, 2.100 MHz und 2.600 MHz.

Die Perfomance des S4 ließ während der Testphase auch nicht den kleinsten Hauch eines Zweifels aufkommen. Genau das Gleiche galt auch für das HTC One: Beide Smartphones liegen weit vorne und auf Augenhöhe. Während der Mitbewerber aus Taiwan jedoch die Ruckler und Zuckler bei der Navigation über die Skin bis in die Tiefen von Android mittlerweile sehr gut unter Kontrolle, sprich ausgemerzt hat, sind diese beim S4 ab und an noch zu spüren. Das fällt nicht weiter ins Gewicht und wird mit Sicherheit demnächst durch ein weiteres Software-Update optimiert. TouchWiz als Samsung-Oberfläche ist jedoch auf dem S4 so umfangreich und komplex, dass wir uns gar nicht vorstellen wollen, wie aufwendig eben jene Optimierungsarbeiten ausfallen können. Die Hausaufgaben in Sachen Akku-Laufzeit hat Samsung derweil schon gemacht. Die 2.600mAh-Batterie liefert hervorragende Werte und steckt, gerade wenn das Display nicht auf voller Helligkeit läuft, die derzeitige Android-Konkurrenz in die Tasche. Paradox: Auf den wechselbaren Akku hätte man hier zumindest aus Performance-Gründen gut und gerne verzichten können.



Software: Es ist kompliziert

Und eigentlich wie in jeder guten Beziehung. Denn der Marketing-Claim des S4 weist das Smartphone als Life Companion aus, also als einen Begleiter für das ganze Leben. Was mit Hilfe des Telefons einfacher werden soll, weil es sich an die Gewohnheiten des Nutzers anpasst. Auch, nein, das muss man leider sagen, vor allem in Bereichen, in denen man das nie für möglich gehalten hätte. Entsprechend steil ist die Lernkurve bei vielen Features, für die breite Masse zu steil.

Die Komplexität der Software-Möglichkeiten des S4 muss man gar nicht detailliert beschreiben, es reicht ein Blick auf den Screenshot. Allein 20 Shortcuts zu Feature-spezifischen Einstellungen hat Samsung mittlerweile in der TouchWiz-Kontrollzentrale angehäuft. Einige davon sind selbsterklärend, klar, andere hingegen überhaupt nicht. Smart Stay, Smart Scroll, S Beam, Air View, Multi Window und noch eine extra Abteilung für die Gesten: Samsung sollte die Genius Bar von Apple lizenzieren, sie könnten sie tatsächlich gut brauchen. Es geht uns hier nicht um TouchWiz als Android-Skin im Allgemeinen. Die Installation eines Launchers macht der quietschebunten Optik auf Wunsch schnell den Garaus. Problematisch sind beim S4 vor allem die neuen Möglichkeiten der Gestensteuerung, die einfach nicht recht funktionieren wollen und auch längst nicht so praktisch sind, wie uns Samsung weiß machen will.

Smart Pause zum Beispiel stoppt Videos, sobald man die Augen vom Display abwendet. Das funktioniert, wenn auch mit deutlicher Verzögerung, zwar verlässlich, ist aber im Alltag irritierend und komplett nutzlos. Smart Scroll soll einen mit den Augen über Websites scrollen lassen. Gehen die Augen zum unteren Rand des Displays, wird in diese Richtung gescrollt, gehen sie hoch, scrollt auch die Website zurück. In der Praxis zeigt sich, dass es 1.) meistens sowieso nicht funktioniert (mit und ohne Brille - völlig egal), 2.) wenn es scrollt, gerne auch genau andersrum oder auch nur in einem kleinen Abschnitt der Seite, die dann vor den Augen des Users hin- und herscratcht und 3.) sowieso nur im Samsung-eigenen Browser unterstützt wird, den - hoffentlich - niemand außer Tante Emma nutzt. Den gleichen Effekt erreicht man auch mit dem Fuchteln der Hand vor dem Display: Das Ergebnis ist ähnlich unbefriedigend.


Und auch Air View, ein Feature, das wir bereits aus der Note-Familie kennen, erweist sich auf dem 5"-Display nicht zwingend als praktisch. In den unterstützten Apps (außerhalb des Samsung-Universums vor allem Flipboard), lassen sich Überschriften oder andere Inhalte bereits in Kurzform anschauen, wenn man nur den Finger über den entsprechenden Teil des Screens hält. Der Finger verdeckt dabei aber oft genug den Großteil der eigentlich zu zeigenden Information: Da klickt man besser gleich.

Diese Defizite in der von Samsung aufgesetzten Software machen aus dem S4 kein schlechtes Smartphone, im Gegenteil. Vielleicht entscheidet man sich, eines der Features doch zu verwenden, den Rest schaltet man einfach ab. Die Marktmacht regelt den Rest. Ein wenig besorgniserregend ist diese Strategie aber schon: Die Hardware des S4 ist perfekt kuratierte Evolution, die Software zu sehr mit der heißen Nadel gestrickt. Man wird das beobachten müssen, wie schnell und vor allem wie gut Samsung die vermeintlichen Killer-Features in den Griff bekommt, oder sang- und klanglos unter den Tisch fallen lässt. Dass es sich beim S4 um eines der wenigen Smartphones handelt, auf dem die aktuellste Version von Android, also 4.2.2, läuft, cachiert Samsung so professionell wie ein Geheimdienst einen Auftragsmord im Ausland. Doch um Android geht es bei Samsung sowieso schon lange nicht mehr. Die Kunden kaufen Galaxys, keine Smartphones mit Google als OS. Und beim S4 bekommen sie genau das. Dass man für Google Now schon wieder eine neue Tastenkombination lernen muss? Egal.


Fazit

Das Galaxy S4 glänzt im Gebrauch dank hervorragender Hardware-Komponenten. Die Kamera verdient den aktuellen Spitzenplatz unter den Android-Smartphones, sowohl die Bildqualität, als auch die Software-Features überzeugen voll und ganz. Mit dem Snapdragon 600 als Prozessor und 2 GB RAM dürften die nächsten Jahre keinerlei Probleme bereiten, egal welche App man installiert. Das Display ist brillant, die Akku-Laufzeit vorbildlich. Abzüge gibt es bei der Samsung-eigenen Software. Die neuen Features der Gestensteuerung sind noch nicht voll entwickelt, ob sie wirklich nützlich sind, lässt sich erst bei der verlässlichen Umsetzung wirklich beurteilen. Wir haben in den vergangenen Jahren den Umgang mit Touchscreens erlernt und perfektioniert, was nach dem berührungsempfindlichen Display kommt, ist noch längst nicht entschieden. Es ist Samsung hoch anzurechnen, in dieser Richtung zu experimentieren, ob man die User seines HighEnd-Geräts jedoch in diesem Umfang damit konfrontieren sollte, bleibt fraglich. TouchWiz leidet mittlerweile spürbar an einer Überfrachtung mit Features, deren Sinn und Zweck einem nicht einleuchten will, wenn man die Lösung von Google beim puren Android kennt. Es wirkt stellenweise gewollt und bemüht, wie sich Samsung von Mountain View abgrenzen will. All das sind aber Meta-Probleme, die nur denjenigen überhaupt auffallen, die jede Woche zwei bis drei Telefone im Einsatz haben und diese Unterschiede im Blick haben. Die zig Millionen Galaxy-Nutzer kennen es nicht anders. Bleibt die Frage, wann Samsung mit seinen Traditionen brechen wird. Beim S5? Beim S6? Oder schon beim Note 3? Abwarten und Tee trinken!

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