Sag niemals nie. Steve Jobs ließ keine Gelegenheit aus, 7"-Tablets als nutzlos und unpraktisch zu verdammen, ein Jahr nach seinem Tod kommt Apple mit dem iPad mini um die Ecke. Und widmet sich damit einer Geräte-Kategorie, die bei Nutzern immer beliebt war und durch das Nexus 7 von Google und Asus und dem Kindle Fire HD von Amazon einen neuen Push bekommen hat. Mit dem iPad mini senkt Apple den Einstiegspreis in die iOS-Tablet-Welt, halbiert das Gewicht, verzichtet aber auch auf eines der Killer-Features der aktuellen 9,7" großen Slates: das Retina Display. Das iPad mini bietet mit 1.024x768p deutlich weniger Pixel.

Pünktlich zum Verkaufsstart am 2. November hat uns Apple ein Testgerät zur Verfügung gestellt, seit zwei Wochen ist das iPad mini mein täglicher Begleiter. Wie es sich im Alltag und im direkten Vergleich mit seinem großen Bruder schlägt, erfahrt ihr hinter dem Klick.



Design/Hardware/Look & Feel

Welches Gerät beim Design des iPad mini Pate stand, wird schnell deutlich. Das Tablet ist der große Bruder des iPhone 5 und ähnelt in der Konstruktion dem aktuellen iPod touch. Das ist kein Widerspruch. Das grundsätzliche Design Apple aktueller Mobilgeräte wurde eindeutig für das Smartphone ausgebrütet und perfektioniert und dann für das iPad und den iPod angepasst. So teilen sich Telefon und Tablet die matt schwarze Rückseite (beide Geräte sind übrigens wahre Fingerabdrucksmagneten), das iPhone ist allerdings noch deutlich kleinteiliger designed. Wie der Unibody und das Gorilla Glas zum Tablet verschmelzen, mit der glänzenden Kante zwischen beiden Teilen, ist wiederum eine 1:1-Adaption des iPod touch.


iOS Hardware 2012

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Auf der Vorderseite findet sich lediglich der Homebutton und die Facetime-HD-Kamera. Rechts befinden sich die neu designten Laut- und Leise-Knöpfe sowie der Stummschalter, der, iOS-üblich, auch dazu verwendet werden kann, die Displayausrichtung einzufrieren.


Oben haben wir den Einschaltknopf, ein Mikrofon und die Kopfhörerbuchse, die im Vergleich zum iPhone 5 eben dort verblieben und nicht auf die Unterseite gewandert sind. Dort sitzt mittig der Lightning Connector und erstmalig auch die Lautsprecher. Das iPad mini bietet, genau wie die überarbeitete Version des großen iPads (übrigens sehr ordentlich klingende) Stereo-Lautsprecher.


Auch der Rückseite sitzt lediglich die 5-Megapixel-Kamera (ohne Blitz). Dank eines schmaleren Rahmens an den Seiten des Tablets kann man das iPad mini ohne große Probleme mit einer Hand umfassen, besonders bequem ist das allerdings nicht. Die Touchscreen-Software wurde entsprechend angepasst. So muss man sich keine Sorgen machen, dass die Finger auf dem Display ungewollte Kommandos auslösen. Man kann den Daumen ganz problemlos auf das Display legen, es passiert rein gar nichts.

Das Design und die verwendeten Materialen bilden eine überzeugende Einheit, die meiner Meinung nach die Konkurrenz um Längen schlägt. Dabei geht es vornehmlich nicht um die Dicke und das Gewicht des Geräts, es geht vielmehr um den Gesamteindruck, das Gefühl, das iPad mini in der Hand zu halten. Understatement hat sich nie solider angefühlt.


Im Vergleich zum großen iPad sind die Unterschiede mehr als offenkundig. Mit 308 Gramm ist das iPad mini nicht mal halb so schwer wie sein großer Bruder (652 bzw. 662 Gramm) und mit 7,2 Millimeter auch spürbar dünner. Das iPad mini passt in die Hosentasche (Hipster in Röhrenjeans bleiben leider außen vor). Das iPad mini zwingt beim einhändigen Lesen auf der Couch den Arm nicht in die Knie. Das iPad mini lässt sich auch in der übervollen Bahn noch einhändig aus der Tasche ziehen und irgendwie zwischen dem Rucksack des Vordermanns und der Tageszeitung nebenan so platzieren, dass man es problemlos nutzen kann. Alles Dinge, über die Besitzer von kleinen Android-Tablets oder dem PlayBook von RIM nur müde lächeln, von vielen iOS-Fans aber sehnlichst erwartet wurde. Eigentlich ein Skandal, dass das so lange gedauert hat. Das iPad wird mobil, in echt und Wirklichkeit.

iPad vs iPad mini

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Technisches

Ähnlich wie beim iPod touch greift Apple auch beim iPad mini auf Hardware-Komponenten zurück, die bereits in anderen Geräten zum Einsatz kamen. Der Prozessor ist ein A5, der seit über einem Jahr im iPhone 4S seinen Dienst tut und als A5X auch das iPad der dritten Generation befeuert. Lediglich 512 MB RAM stehen zur Verfügung. Getestet habe ich die WiFi-Version des iPad mini mit 64 GB Speicher. Dieser Tage beginnt Apple damit, auch die LTE-Version auszuliefern, schnelle Datenverbindungen sind allerdings wie beim iPhone 5 nur im Netz der Telekom möglich. SIM-Karten anderer Mobilfunker buchen sich in das 3G-Netz ein. WiFi-seitig stehen im iPad mini jedoch 2,4 GHz und 5 GHz zur Verfügung, bei entsprechenden Routern ist die Geschwindigkeit also deutlich besser. Die üblichen Sensoren sind an Bord, dazu kommt Bluetooth 4.0. Die 5-Megapixel-Kamera mit BSI-Sensor und IR-Filtern liefert ordentliche Ergebnisse, den Panorama-Mode des iPhone 5 und des iPod touch sucht man hier allerdings vergeblich. Mir persönlich ist das herzlich egal, Bilder mit einem Tablet aufzunehmen ist eine mir fremde Kulturtechnik, Gesichtserkennung für bis zu zehn Personen hin oder her. Video-seitig wird in 1080p mit Bildstabilisierung aufgenommen.



Display

Beim 7,9" großen Display des iPad mini wird es heikel, gerade für mich als erklärten Retina-Fan bei Tablets. Denn diese Auflösung sucht man hier vergebens, lediglich 1.024x768 Pixel werden auf den mini geboten, bzw. 163 ppi. Das ist deutlich weniger als beim Nexus 7, dem Kindle Fire HD und natürlich auch dem großen iPad. Entsprechend hart ist die Zurückgewöhnung. Je kleiner der Text, egal ob auf Webseiten oder in E-Mails, desto deutlicher fasern die Buchstaben aus. Und auch in E-Books ist der Unterschied eklatant zu spüren. 1.024x768: Das ist genau die Auflösung, mit denen die ersten beiden Generationen des iPad ausgestattet waren. Eben diese jetzt wieder zu wählen hat praktische und nachvollziehbare Gründe: So müssen die Apps von den Entwicklern nicht erneut angepasst werden. Apple begibt sich mit dieser Wahl jedoch in eine Art Pattsituation. Denn wenn ein Unternehmen die Retina-Auflösung erst im iPhone, dann im iPad und schließlich auf in den MacBooks als Quasi-Standard pusht (und sich im Tablet-Geschäft nach einem dreiviertel Jahr erstmals mit dem Nexus 10 von Samsung Konkurrenz am Horizont zeigt), dann fühlt es sich schon merkwürdig an, sich im neusten iOS-Gerät wieder mit weniger begnügen zu müssen.


Aber es gibt auch gute Nachrichten. Die gefühlte Auflösung ist dank des kleineren Displays spürbar besser als beim iPad und beim iPad 2 und auch das IPS-Panel als solches leistet trotz fehlender Pixel hervorragende Arbeit, auch wenn die Farben im direkten Vergleich mit dem iPad 3 ein wenig ausgewaschener wirken. Die Betrachtungswinkel sind mehr als ausreichend und egal wie hart der Sprung auch ist, nach einer Weile hat man sich mehr oder weniger daran gewöhnt. Es hängt - wie so oft - davon ab, was man mit dem iPad mini tut. Filme und Serien sehen perfekt aus, Spiele ebenso, Zeitungen, Magazine und E-Books sind in Ordnung. Gerade beim Lesen überwiegen die Vorteile (geringes Gewicht, kleinerer Formfaktor) die Nachteile (weniger Pixel). Glaubt man der Gerüchteküche, arbeitet Apple bereits am Nachfolger des iPad mini mit einem deutlich höher aufgelösten IGZO-Display. Wir sprechen uns in zwölf Monaten wieder.


Performance

Denn ein Grund für das niedrig aufgelöste Display dürfte auch sein, dass Apple so kategorisch an der guten Akku-Leistung der iPads hängt. Nicht, dass es dagegen etwas zu sagen gäbe, im Gegenteil. Das iPad mini bringt die gleichen zehn Stunden Batterielaufzeit wie sein großer Bruder, eher noch mehr. Dazu kommt eine generell sehr überzeugende Performance. Apps brauchen länger, bis sie geladen sind, ja, Rucker, Aussetzer, auch bei grafikintensiven Anwendungen oder Spielen, konnte ich während der Testphase aber nicht bemerken. Und wenn wir schon über Apps sprechen: Jetzt, da man ein 7"-Gerät mit iOS endlich mit einem Androiden der gleichen Größe vergleichen kann, zeigt sich, wie sehr Apple in Sachen App-Auswahl für Tablets immer noch die Nase vorn hat. Was ist da eigentlich los?


Fazit

Mit einem Startpreis von 329 Euro (16 GB, WiFi), bzw. 459 Euro (16 GB, Mobilfunk) ist das iPad mini spürbar teurer als seine direkte Konkurrenz, also das Nexus 7 und der Kindle Fire HD. Amazon kompensiert den subventionierten Preis des Kindle-Tablets mit Werbung und Inhalten, Google investiert in den Status Quo von Android-Tablets und will durch große Stückzahlen genau das ausbügeln, worauf sich Apple seit geraumer Zeit ausruhen kann: ein für Tablets umfangreich optimiertes Ökosystem. In Sachen Design, Haptik und Verarbeitung punktet Apple erneut und zeigt den Mitbewerbern wie das geht mit der Zukunft. Und wem das alles zu sehr nach eine Lobhudelei klingt, der geht bitte erst in den Laden, um sich das iPad mini anzuschauen, in der Hand zu halten und auszuprobieren, bevor der Beschwerdebrief verfasst wird. Ja, ich will mehr Pixel. Ja, ich würde mir wünschen, dass das iPad mini günstiger ist. Dir Preispolitik zwischen iPhone, iPod touch und iPad ist ohnehin verwirrend, wird mittelfristig zu Erklärungsnot führen und (These!) dem iPod touch seinen Kopf kosten. Bis es Samsung, Asus, HTC oder wem auch immer jedoch gelingt, mit ein 7"-Tablet eine derartige Präzisionslandung hinzulegen und gleichzeitig die Pixeldichte deutlich nach oben zu schrauben, geht der 1. Preis in dieser Geräte-Kategorie an das iPad mini. Das muss nicht lange so bleiben. Im Moment verbaut Apple nur im iPhone und im großen iPad neue, schnellere, bessere Komponenten wie Prozessor und Co und bedenkt den iPod touch und auch das iPad mini mit Technik der letzten Generation. Das iPad mini ist ein Testballon. Nun ist ein Apple-Testballon meistens so ausgefeilt wie der dritte Hardware-Remix anderer Hersteller und so ist das auch beim iPad mini. Die zweite Iteration des kleinen Tablets muss aber liefern, um sich zu behaupten. Gegenüber der Konkurrenz, aber auch in Cupertino selbst.

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