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Review: Apple iPad (2012)


Wir müssen reden. Dringend. Über Pixel.


Als Cook, Schiller & Co die Präsentation des iPad 3 HD hinter sich gebracht hatten, waren die Reaktionen gemischt. Ähnlich wie beim Sprung vom iPhone 4 auf das iPhone 4S hat Apple das Design des neuen Tablets gegenüber dem Vorgänger nicht verändert, es ist sogar rund 50 Gramm schwerer als das Modell von 2011. Die Twitter-Schlagzeilen der Nacht des 7. März: LTE und Retina Display mit einer Auflösung von 2048x1536 Pixeln. Es dauerte ein wenig, bis die Fakten in den Redaktionen weltweit geordnet wurden, doch dann war klar: Wer LTE nutzen will, muss in die USA übersiedeln, europäische Frequenzen werden vom Chipset nicht unterstützt. Da blieb den Technik-Journalisten wenig Raum für die fest eingeplanten Sensationsmeldungen. Das iPad läuft mit einer aufgebohrten Version des A5-Prozessors (A5X) und arbeitet lediglich in der GPU mit vier Prozessorkernen. Die CPU hat weiterhin nur zwei Kerne, da fallen Benchmark-Fetischisten wie von selbst in Ohnmacht. Man darf vermuten, dass nicht nur bei NVIDIA die Korken knallten bei dieser Nachricht. "Wirklich? 2 Kerne? A5X? Ruf' das Team zusammen, wir haben etwas zu feiern." Und doch brachen die Vorbestellungen wieder alle Rekorde, wer aktuell online bei Apple kaufen will, muss 1-2 Wochen warten. Der Vorwurf von Technik-Nerds, dass Apple in Sachen Innovation bei den erfolgreichsten Produkten (iPhone und iPad) langsam aber sicher aus dem Tritt gerät, wird von den Konsumenten zumindest nicht mit entsprechender Zurückhaltung quittiert. So viele Fanboys und Fangirls kann es gar nicht geben.
Ob das neue iPad hält, was Apple verspricht, und was das überhaupt ist, kläre ich in der folgenden Besprechung.


Fakten
Schauen wir zunächst auf die Spezifikationen, ganz ohne das Kleingedruckte geht es dann ja doch nicht. Das neue iPad misst 241,2x185,7x9,4mm (HxBxT) und wiegt in der WiFi-Variante 652, in der 4G- 3G-Variante 662 Gramm. Damit ist es einen Tick dicker als das iPad 2 und wie schon erwähnt rund 50 Gramm schwerer.

iPad 2 (links), iPad 2012 (rechts)

Bildergalerie: iPad 2012 vs iPad 2



Die klingen zunächst vernachlässigungswürdig, sind aber doch deutlich spürbar: eine Tatsache, die weiter unten noch eine Rolle spielen wird. Der A5X-Chip läuft bei 1 GHz, die integrierte GPU verfügt über vier Kerne. Das neue iPad verfügt über Bluetooth 4.0, WiFi (b/g/n) und kommt wie die Vorgängerversion mit 16 GB, 32 GB oder 64 GB Speicher. Die Modelle mit Platz für eine microSIM bieten HSPA+ im mobilen Datenverkehr, LTE - wie bereits erwähnt, bleibt Kunden in den USA vorbehalten. Die Kamera auf der Vorderseite des iPads bleibt im Vergleich mit dem Vorgängermodell gleich und kommt über VGA-Auflösung nicht hinaus. Die rückseitige Kamera hingegen wurde mächtig aufgemotzt. Konkret bedeutet das, dass es sich jetzt lohnt, mit dem iPad Bilder zu machen, wenn man die Motive jemandem zeigen oder sie gar archivieren möchte. Die Kamera bringt 5 Megapixel, BSI und eine 2,4er Blende, 1080p Videos und die gleichen Bildstabilisatoren, die man aus dem iPhone 4S kennt. Die Kamera gleicht der des Smartphones bis ins letzte Detail, einziger Abstrich sind die drei "fehlenden" Megapixel und der HDR-Modus. Mehr zur Kamera weiter unten. Bleibt das 9,7"-Display, das mit seiner Auflösung von 2048x1536p eine Pixel-Dichte von 264ppi bietet. Mein Testgerät war übrigens die 64GB-Variante mit Mobilfunk.


Das Display
Natürlich nimmt auch Apple teil am technologischen Wettrüsten, wählt beim iPad aber den subtilen Weg mit einer deutlich längeren Haltbarkeitszeit. Es ist das Display, dass das Tablet so einzigartig macht. Zwei Ratschläge an dieser Stelle. All diejenigen, die bei der kleinsten Erwähnung von Apple im Allgemeinen und beim vermeintlichen Hype um das iPad im Besonderen innere Blutungen bekommen und schon aus Prinzip kategorisch dagegen halten: Probiert das Display aus, schaut es an, arbeitet im Laden damit. Dann sprechen wir uns noch mal. Und denjenigen, die ein älteres iPad haben, rate ich dringend davon ab, es sei denn, das Upgrade ist schon beschlossene Sache. Man kann nicht mehr zurück. Wenn Text auch eine noch so untergeordnete Rolle spielt bei den Dingen, die man mit dem Tablet macht: Man kann einfach nicht mehr zurück. Obwohl die Pixel-Dichte mit 264 deutlich unter der des iPhones (326) liegt, lässt die im Vergleich zum Smartphone schiere Größe des iPad-Displays einem die Kinnlade runterklappen. Immer wieder. Auch hier gilt: selber ausprobieren. Man kann dieses Phänomen nur schwer in Worte fassen. Es ist mit großem Abstand das beste Display, das ich je gesehen habe.
Deutlich besser formulieren kann man die Probleme, die die 3,1 Millionen Pixel des iPads aktuell noch verursachen. Apps, die noch nicht für das Display optimiert wurden, wirken spröde, zerfasert. Das trifft vor allem auf die Inhalte zu, für die das hochauflösende Display wie geschaffen ist: Magazine, Zeitungen etc. Ein Blick auf die iPad-Version des US-amerikanischen WIRED zeigt das beispielhaft: Der Text ist geradezu rissig. Der App wurde mittlerweile ein Update verpasst, mit der nächsten Ausgabe soll alles besser werden. Hoffentlich.

Ein hochaufgelöstes Display wie das des iPads kann man gar nicht hoch genug loben. Zumal bei den Betrachtungswinkeln, den strahlenden Farben keine Abstriche bei der neuen Version gemacht wurden. Das IPS-Panel ist perfekt und zum Glück, eine persönliche Einschätzung, setzt Apple nicht auf AMOLED-Technologie. Deren fast schon radioaktiv strahlende Farb-Intensität bereitet mir bei Smartphones immer mehr Probleme. Hier wirkt alles einfach ... genau richtig. Auch diese fahrige Einschätzung sollte man am besten selbst ausprobieren.
3,1 Millionen Pixel sind Luxus, klar, aber ein Tablet ist nach wie vor vor allem genau das: ein Luxusprodukt. Und das gibt es eben nicht für 99 Euro an der Supermarktkasse.


Die Kamera
Sagen wir mal so: Die Kamera im iPad 2 hätte sich Apple wirklich schenken können. Und warum ein 10"-Tablet generell eine ernsthafte Fotokamera braucht, bleibt mir ein Rätsel. Einfach unpraktisch, weil zu groß, viel zu groß. Egal, die Qualität der Kamera des letzten iPads hätte einen das Tablet wirklich nur herausholen lassen, wenn Merkel das Geschäfts des Dackels im Kanlzeramtsgarten selbst weggeräumt hätte, für alle anderen Gelegenheiten lohnt sie nicht wirklich. Das wird jetzt anders, die neue Kamera macht liefert gute Ergebnisse, sowohl bei Bildern als auch bei den HD-Videos, bei denen die Bildstabilisation sehr hilfreich ist. In dunklen Räumen sind die maximalen Ergebnisse begrenzt, einen LED-Blitz hat Apple dem iPad nicht spendiert, hier hilft nur die bessere Blende, um noch das eine oder andere Detail herauszuholen. Schade ist, dass Apple die FaceTime-Kamera bei ihrer VGA-Auflösung belassen hat. Denn wenn es eine Kamera auf einem Tablet gibt, die wirklich nützlich ist, dann die für die Videotelefonie.





Performance
Dass Apple im neuen iPad keinen Quadcore-Prozessor verbaut hat, den A6, über den bereits gemunkelt wird, ist für viele eine Enttäuschung, lediglich die GPU arbeitet jetzt mit vier Kernen, die für das hochauflösende Display auch dringend nötig sind. Ein "schnelleres" iPad bekommt man dann 2012 auch nicht. Die Optimierung zwischen CPU, GPU und OS ist aber auch beim dritten Tablet aus Cupertino über alle Zweifel erhaben. Kein Stottern, kein Hackeln, Apps starten schnell. Und auch was die Batterie angeht, wird Wort gehalten. Die zehn Stunden Laufzeit werden tatsächlich erreicht. Apple hat die Kapazität des Akkus von 25Wh auf 42,5Wh aufgestockt, ein Hinweis darauf, wie viel Strom das neue Display braucht. Der Geekbench-Test zeigt irritierender Weise ein besseres Allgemeinergebnis für das iPad 2.


iPad 2 (links) vs iPad 2012 (rechts)

Kein Quantensprung also. Den braucht es aber auch nicht, denn die Performance ist und bleibt souverän. Gerade auch bei den immer ausgefuchsteren Apps, die gleichzeitig mit dem neuen iPad vorgestellt wurden.

Software
iOS ist nach wie vor das beste Betriebssystem für Tablets. Aufgeräumt, geradeaus, stabil, logisch, schnell, ohne Schnickschnack. Die aktuelle Version 5.1 läuft rund und sauber, auch auf dem iPad 2. Android ist einfach noch nicht so weit und wird durch die diversen Skins der Hersteller nach wie vor hoch professionell ausgebremst. Was Windows 8 zu bieten haben wird, bleibt abzuwarten. Die schiere Flut an Tablet-optimierten Apps sichert Apple auch weiterhin einen großen Vorsprung vor der Konkurrenz.
Doch es bleiben auch Fragezeichen bei iOS 5.1, besonders auf dem iPad. Andere Hersteller richten ihre gesamte Designsprache um ein Wetter-Widget herum aus, beim iPad muss man sich diese Informationen aus einer App eines Drittanbieters holen. Das ist besonders verwirrend, weil das Wetter auf dem iPhone im Notification Center integriert ist, beim iPad nicht. Auch keine hauseigene App wie auf dem Smartphone. Fehlende Widgets bleiben ein Manko von iOS und werden vom Notification Center nur teilweise kompensiert.


Ähnlich wie das iPhone 4S hat auch das neue iPad einen Sprachassistenten bekommen, der tatsächlich nur auf dem 2012er Tablet funktionier. Anders als Siri setzt er lediglich Sprache in Text um, wer sich mit dem iPad unterhalten will, muss das irgendwie anders regeln. Die Spracherkennung funktioniert ganz vorzüglich, eines der Worte, die während des Test jedoch auf Biegen und Brechen nicht erkannt werden wollten, war ... iPad. Ein Feldversuch:


iPhoto
Besonders beeindruckend sind die Bearbeitungsmöglichkeiten in iPhoto, das jetzt für iPad und iPhone vorliegt. In der Kamera-App lassen sich schon seit geraumer Zeit Bilder rudimentär bearbeiten, die neue iPhoto-Version spielt in einer anderen Liga. Umfangreiche Features konfrontieren den Nutzer aber auch mit einer vergleichsweise überraschend steilen Lernkurve, die man allerdings schnell meistert. Kein Vergleich mit Photoshop, nein, die Tatsache jedoch, dass man auch Bilder im RAW-Format importieren kann, um sie dann auf dem HD-Display zu editieren, dürfte bei begrenztem Platz in der Tasche viele Probleme lösen. Und auch das UI von iPhoto überzeugt, denn um Standards zu korrigieren, muss man gar nicht erst das richtige Menü finden, sondern kann gleich auf dem Foto loslegen. Sehr clever.


Garage Band
Auch Garage Band hat neue Features bekommen, die neue Version ermöglicht es, mit mehreren Geräten via Bluetooth zu jammen. Der "Boss" der Band kontrolliert die Aufnahmen, Tempo etc., die anderen Geräte spielen einfach mit. Gesammelt werden die Aufnahmespuren auf dem Master-Device, also beim Boss. Das funktioniert klasse und macht außerdem großen Spaß. Auch wenn Logic bei Apple aktuell eher schlummert, ist es gut zu sehen, dass es in Sachen Musikproduktion zumindest in kleinen Schritten weitergeht.

Fazit
Zurück auf Anfang. Ich hatte meine ersten Eindrücke zum neuen iPad schon kalt formuliert und ich bleibe dabei. Das Killer-Features ist der Screen. Ich habe sehnsüchtig auf die 3,1 Millionen Pixel gewartet, um endlich klarer zu sehen. Es dauert ungefähr fünf Minuten, um vor Glück und Staunen nur noch den Kopf zu schütteln. Dazu die Flut an Apps, die Optimierung von Hard- und Software. Wer bis jetzt den Tablet-Markt beobachtet hat, sich noch nicht dazu durchringen konnten, auf den Zug aufzuspringen: Beim iPad ist man gut aufgehoben. Bei Android auch, nur wenn alles über das Display abgewickelt wird, gibt es aktuell eigentlich keine Alternative.

Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Das neue iPad wird spürbar wärmer als sein Vorgänger. Die Wärmeentwicklung tritt vor allem auf, wenn grafikintensive Apps laufen. Hält man das iPad klassisch hochkant, dann liegt hinten links unten die Problemzone. Und wenn Geräte warm werden, ist das eigentlich nie ein gutes Zeichen. Ein wenig Arbeit mit dem Akku dimmt das Problem herunter, nach zweimaligem Komplett-Entladen pendelt sich die Wärmeentwicklung auf normalem Niveau ein, Peaks kommen aber immer wieder vor. Beim Betrieb mit LTE ist die Hitzeentwicklung wohl noch vehementer, bis zum nächsten Urlaub in den USA bleibt da aber nur der Verweis auf die Berichte der Kollegen in den Staaten.

Auch bleibt das neue iPad in der dritten Generation einen Tick zu schwer, um im Einhand-Betrieb eine E-Reader dauerhaft zu ersetzen. Das tut mir persönlich besonders weh, wenn ich die drastische Vergrößerung der Batterie im Tablet, um die zehn Stunden Laufzeit auch weiterhin zu garantieren, als Priorität von Apple natürlich nachvollziehen kann. Man kann es nicht allen recht machen. Das gilt auch für das Design. Das ich nach wie vor für gelungen, durchdacht und absolut zeitlos halte, meinem Wunsch nach einem Dock-Connector an einer der Seiten des Geräts aber nicht wirklich hilft.

Unter dem Strich bleibt Begeisterung, große Begeisterung. Und lohnt ein Upgrade? Für Besitzer des ersten iPads allein schon deshalb, um vom schnelleren Prozessor zu profitieren, vom Display ganz zu schweigen. Und vom iPad 2? Das hängt von den Nutzungsszenarien ab. Wer vor allem spielt und Filme schaut, kommt mit dem Gerät aus dem vergangenen Jahr weiterhin gut hin. Alle, denen Text wichtig ist, in welcher Art auch immer, sollten entweder kategorisch wegschauen oder sich in die Schlange stellen.

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