Der digitale Kugelschreiber Inkling verspricht die perfekte Verbindung von klassischer Skizze auf Papier und digitaler Bearbeitung - ohne Umweg über den Scanner. Entwickelt hat ihn der japanische Hersteller Wacom für Künstler, Grafiker und Designer, die "erste ungefähre Vorstellungen zu Papier bringen und ihre Entwürfe in ein editierbares digitales Format bringen wollen". Das System soll von der Präzision her kein Tablet ersetzen, und es kann auch keine handschriftlichen Buchstaben erkennen und in Text umwandeln. Der Inkling ist vielmehr geeignet für grobe Skizzen, die er nicht nur mit 1024 Druckstufen erfasst, sondern auch per Knopfdruck während des Zeichnens in Ebenen unterteilt. Dabei ist man nicht an den Rechner gefesselt, denn das Etui mitsamt Stift und Empfänger passt in eine Manteltasche, und Akku und Flash-Speicher reichen für ein paar kreative Stündchen im Grünen aus. Aber was erwartet einen danach vor dem Rechner? Und lohnt es sich, für den Wacom-Kugelschreiber knapp 170 Euro zu bezahlen? Weiter geht's mit dem Test nach dem Break.

Wacom Inkling

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Hardware

Der digitale Kugelschreiber ruht zusammen mit dem Empfänger, einem kurzen USB-Kabel und vier Minen in einem Kunststoff-Etui, das zugleich als Ladestation dient. Es ist ungefähr so groß wie ein schlankes Brillenetui (173 x 63 x 25 mm) und macht einen soliden Eindruck. Genauso wie der Stift sind auch Etui und Empfänger in zurückhaltendem Schwarz gehalten und teilweise mit Klavierlack "veredelt". Der glänzt leider nicht nur schön, sondern bringt auch die naturgemäß unvermeidlichen Fingerabdrücke bestens zur Geltung. Der Kuli ist ziemlich dick, mit 17 mm jedenfalls deutlich dicker als ein durchschnittlicher Kugelschreiber. Dank des taillierten Stiftkopfs liegt er aber gut in der Hand. Zusammen mit dem etwa streichholzschachtelgroßen Empfänger ist er neben einem Blatt Papier alles, was man zum Skizzieren braucht.


Vor der ersten Verwendung müssen der beigelegten Anleitung zufolge die Batterien in Stift und Empfänger vollständig aufgeladen werden. Dazu steckt man beide in das Etui und verbindet dieses über das beigelegte USB-Kabel mit dem Computer. Wenn die dreistündige Ladezeit verstrichen ist, signalisiert eine von Rot auf Grün wechselnde LED-Anzeige, dass man loslegen kann.

Skizzieren

Bei der Einrichtung des Skizzenpapiers gilt es ein paar Punkte zu beachten: Die Unterlage sollte stabil sein und es empfiehlt sich, den Empfänger an mehrere Blätter zu klammern, da er leicht verrutschen kann. Er muss so angebracht sein, dass er immer ungestörte Sicht auf die Stiftspitze hat, die Hand oder andere Objekte dürfen sich nicht zwischen Empfänger und Stift schieben. In der Praxis hatten wir damit nie Probleme, zumal man die Blattausrichtung (quer oder hoch) und auch die Position des Empfängers in der Inkling Software "Sketch Manager" voreinstellen kann.

Das Papier darf zwar beliebig groß sein, aufgezeichnet wird aber maximal innerhalb der Fläche einer A4-Seite und mit einem Abstand von 2 cm zum Empfänger. Sobald man das Blatt eingerichtet hat, kann man sich voll und ganz auf die Zeichnung konzentrieren: Eine neue Datei wird automatisch erzeugt, wenn man den Empfänger ans Papier geklammert, die On-Taste gedrückt und den Stift aufgesetzt hat. Auch zur Erzeugung einer neuen Ebene genügt ein simpler Tastendruck auf den Empfänger, alles funktioniert intuitiv, man wird durch nichts abgelenkt. Vorausgesetzt natürlich, dass man sich nicht daran stört, mit einem Kugelschreiber zu skizzieren, denn andere Minen können nicht verwendet werden. Der Inkling-Stift funktioniert auch mit Standard-Minen, man muss sie also nicht bei Wacom nachbestellen. Ist die Skizze fertig, verbindet man den Empfänger zur Übertragung der Dateien mit einem USB-Kabel mit dem Computer.


Software

Anders als Stift und Empfänger funktioniert die mitgelieferte Software "Sketch Manager" alles andere als intuitiv. So verstecken sich die meisten Einstellungsmöglichkeiten in Popup-Menus, und Strichstärken können nur in der Übersicht über die Zeichnungen und nicht direkt in der Großansicht einer Skizze verändert werden. Wer nicht mit der Inkling-Software arbeiten will, kann auf diverse Grafikprogramme zurückgreifen. Sketch Manager ermöglicht den Export der Inkling-Dateien als Raster- oder Vektor-Grafik nach Adobe Photoshop, Illustrator (CS3+), Autodesk SketchBook Pro und SketchBook Designer (2011+). Leider gibt SketchBook Pro die Striche mit dieser Methode verzittert wieder. Öffnet man die Skizze hingegen direkt aus SketchBook Pro, sieht alles bestens aus. Überhaupt macht es Spaß, den Inkling zusammen mit SketchBook Pro zu benutzen, was auch daran liegt, dass das Zeichenprogramm die Inkling-Skizze mit den jeweils zuletzt benutzten Stricheinstellungen öffnet. Wobei wir uns nicht sicher sind, ob das von Wacom so gewollt war.

Import in Sketchbook Pro: Stricheinstellungen

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Im Inkling Sketch Manager können einzelne Ebenen weiter aufgespalten und auch bearbeitet werden. Als netten Gimmick zeigt Sketch Manager zudem die Entstehung der Zeichnung Strich für Strich in einem Clip. Da man mit dem Inkling erstellte Dateien auch in anderen Programmen öffnen oder via Sketch Manager in diversen Formaten abspeichern kann, werden die meisten ihre Skizzen aber wohl lieber ohne große Umwege in einem ausgereiften Grafikprogramm bearbeiten.

Inkling-Software Sketch Manager

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Der digitale Kugelschreiber als Maus

Der Inkling-Stift kann auch als Mausersatz dienen: Ist der Empfänger über USB an den Computer angeschlossen, lässt sich via Stift auf dem Bildschirm navigieren. Man kann mit dem Inkling auch direkt in SketchBook Pro Linien mit unterschiedlichen Stärken zeichnen, in Photoshop hingegen malt er nur Punkte. Wirklich ausgereift ist diese Funktion noch nicht, so muss der Stift erst in den Ruhemodus umschalten, damit sich Maus oder Trackpad wieder benutzen lassen.

Qualität der Skizzen

Wacom empfiehlt den Inkling nur für Rohskizzen, da geometrische Formen und gerade Linien nicht so präzise erfasst werden können wie auf einem Grafiktablet. Auch vom Gebrauch von Lineal und ähnlichen Instrumenten wird abgeraten. Der Inkling wurde für freihändige, grobe Skizzen entwickelt - und die digitalisiert er tatsächlich in überzeugender Qualität. Es werden zwar nicht alle Striche auf den Millimeter genau platziert, aber das ist bei schnellen Skizzen nicht dramatisch, und Wacom weist auf diese Ungenauigkeit auf der Inkling-Webseite auch hin. Unterschiedliche Druckstärken (1.024 Druckstufen) werden hingegen recht gut wiedergegeben, nur äußerst zarte Linien gehen verloren. Links im Bild die Darstellung im Sketch Manager, rechts ein Foto des Originals auf Papier.


Wacom verspricht, dass man mit dem Inkling auf jedem Papier skizzieren kann. Das stimmt: wo ein Kuli nicht versagt, funktioniert auch der Inkling, aber die Qualität der Digitalisierung bleibt nicht immer gleich. Wir haben den Stift auf dünnem Transparentpapier ausprobiert, da dieses meistens in mehreren Lagen verwendet wird und sich deswegen für die Arbeit mit Ebenen anbietet. Leider wurden die Striche ungenau, was wohl daran liegt, dass sich sehr dünnes Papier während des Skizzierens bewegt. Auf durchschnittlichem Druckerpapier waren wir aber mit dem Inkling im allgemeinen sehr zufrieden.

Akku und Flash-Speicher

Die Arbeitsdauer des Stifts gibt Wacom mit 15 Stunden und die des Empfängers mit 8 Stunden an. Der Stift schaltet nach 30 Sekunden Inaktivität in den Ruhemodus, der Empfänger nach 30 Minuten. Solange der Inkling über USB zur Übertragung von Dateien an den Rechner angeschlossen ist, lädt er sich auch auf, was bei uns während des Tests immer wieder mal der Fall war. Wir haben die Akkulaufzeit deswegen nicht selbst überprüft, gehen aber davon aus, dass sie im alltäglichen Gebrauch keine Probleme machen dürfte. Der 2GB-Flash-Speicher auf dem Empfänger dürfte mehr als ausreichend sein, weil die einzelnen Dateien im Durchschnitt nur einige hundert KB groß sind.

Fazit

Der Inkling ist ein gut gestaltetes Werkzeug, das grobe Skizzen auf normalem Papier in überzeugender Qualität digitalisiert. Die Software hingegen ist unausgereift, so dass wir die Dateien zur Weiterbearbeitung lieber gleich in Photoshop, Illustrator oder SketchBook Pro öffneten. Neben der Mobilität spricht vor allem das unkomplizierte Arbeiten mit Ebenen für das Inkling-System. In diesem Punkt ist es der Methode Skizzieren-Scannen gegenüber klar im Vorteil. Allerdings auf Kosten der Stiftwahl: der Inkling funktioniert nur mit einer Kugelschreibermine. Sehr gut gefallen hat uns die genaue Wiedergabe von Druckstärken. Gerade Linien und geometrische Formen werden hingegen nicht exakt aufgezeichnet, denn für Präzisionsarbeit ist der Inkling nicht gedacht. Mit einem Preis von 170 Euro ist er für ein reines Spaßgerät zu teuer, aber wer oft und gerne auf Papier Skizzen anfertigt und diese danach in einem Grafikprogramm bearbeitet, sollte sich den Inkling genauer ansehen.

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