Es ist sage und schreibe über acht Monate her, seit Motorola das Atrix auf der CES angekündigt und vorgestellt hat. Damals herrschte allgemeine Aufregung. Ob des verbauten Doppelprozessors mit 2x1 GHz und natürlich des Zubehörs, dem Multimedia-Dock und dem Lapdock, einem Art Netbook, das ausschließlich vom Smartphone aus mit Rechenleistung versorgt wird. Bei uns hieß es: warten. Und nun plötzlich steht der Kurierfahrer mit einem großen Paket im Büro. Wo doch ein möglicher Nachfolger bereits im Umlauf ist. Für den Moment akzeptieren wir einfach, dass Motorola Deutschland als die Dritte Welt der Smartphone-Launches behandelt und schauen das Telefon und die beiden Docks genauer an. In der Review hinter dem Break.
Das Atrix

Das Atrix zeigt uns beispielhaft, wie schnelllebig das Smartphone-Geschäft heutzutage ist. Als Motorola das Telefon auf der CES Anfang Januar 2011 zeigte, gingen alle Daumen hoch. Doppelprozessor, HDMI, 4"-Display mit qHD-Auflösung (9600x540p), 1GB RAM, bis zu 32GB nutzbarer Speicher, dazu ein Fingerabdruckssensor für das schnelle Entsperren des Atrix, eine 5-Megapixel-Kamera hinten und eine zweite mit VGA-Auflösung vorne. Heute, acht Monate später, nicken wir diese Specs mehr oder weniger kommentarlos ab, mit weniger kann man uns kaum noch kommen. Und auch im Betriebssystem-Land ist viel Zeit vergangen seit Januar 2011, Zeit, die Motorola offenbar nicht interessiert, auf dem Atrix ist Android 2.2 installiert, natürlich mit MOTOBLUR als Oberfläche. Die Update-Politik von Motorla macht uns auch andererorts Sorgen, beim Atrix kommt aber ein Problem hinzu, mit dem auch andere Hersteller zu kämpfen haben. Die Skin ist in keinster Weise für den Doppelprozessor optimiert, der Übergang von Homescreen zu Homescreen ruckelt, so dass wir auch glauben würden, wenn uns jemand versichern würde, im Atrix arbeite lediglich ein 800MHz-Prozessor mit einem Kern. Das setzt sich auch in den Apps fort, die Motorola unbedingt anpassen musste. Bei der Kamera zum Beispiel ist die Animation nach dem Drücken des Auslösers derart grobmotorisch, dass sie auch aus einem Experimentalfilm anno 1910 stammen könnte. Und Android 2.2 macht die User Experience nicht besser. Aber genug gefrotzelt, kommen wir zum Positiven. Das hochauflösende Display gefällt uns ausgesprochen gut, die Darstellung ist scharf, die Farben frisch und die Betrachtungswinkel vorbildlich. Dazu liegt das Atrix gut in der Hand, ist weder zu schwer noch zu leicht. Die Kamera macht mit ihren fünf Megapixeln anständige Bilder, mehr aber auch nicht. Die 720p-Videos gehen ebenfalls in Ordnung.

Motorola Atrix: die Kamera

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Das Atrix erledigt alle alltäglichen Aufgaben flüssig und überzeugend. Hier spürt man dann eben doch den Doppelprozessor, es ist mit dem Optimus Speed von LG oder dem Sensation von HTC auf einem Niveau. Motorola hat aber leider - hoffentlich unbewusst - alles daran gesetzt, die Stärke des Smartphones gut zu "verstecken". Spiele sind rasend schnell, der Browser die reine Freude. Scrollen, Pinch-to-zoom etc. entsprechen voll und ganz dem heutigen Standard anderer "Superphones" wie dem HTC Sensation, auch die Flash-Performance geht in Ordnung. Ewige Hürde beim Atrix wie bei anderen Handys von Motorola ist und bleibt MOTOBLUR. Die Oberfläche sieht einfach nicht aus. Das ist natürlich Geschmackssache, aber wir würden diesen Airbrush-Praktikanten auf die Straße setzen. Dazu kommen Probleme, die tiefer liegen. Android ist praktisch nicht mehr zu erkennen und die Moto-Software verhindert, dass das Atrix so schnell ist, wie es sein könnte. Und das, das ist deprimierend bis ins Mark.
HD-Mulitmedia-Dock

Das Atrix ist nicht einfach nur Smartphone, sondern dank Multimedia- und Laptop-Dock auch Schaltzentrale für das Quentchen mehr Praktibilität und Produktivität. Das wertige Mulitmedia-Dock verfügt über einen HDMI-Ausgang und drei USB-Anschlüsse, um eine Tastatur, Maus oder auch Lautsprecher anzuschließen. Ist die Verbindung zum Fernseher via HDMI hergestellt, kann man mit der mitgelieferten Fernbedienung durch seine Musik, Bilder und Videos manövrieren. Das funktioniert "as advertised" und das Interface, das Motorola hier anbietet stellt sich als gut durchdacht heraus. Ob man das kleine Dock nun tatsächlich braucht oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Bei einem Listenpreis von rund 90 Euro tut es aber mit Sicherheit auch ein einfaches HMDI-Kabel, um sich seine Medien auf dem Fernseher anzusehen.

Lapdock

Das Alleinstellungsmerkmal des Motorola Atrix ist natürlich das Lapdock, das das Smartphone in ein fast vollständiges Laptop transformieren soll. Das Lapdock als solches ist wenig mehr als ein brillanter 11,5"-Screen mit einer Auflösung von 1366x768p, eine kleine, aber gut nutzbare Tastatur und eine Batterie. An der Rückseite befinden sich außerdem noch zwei USB-Anschlüsse. Die Verarbeitung des Lapdocks ist geradezu perfekt, die Materialen gut gewählt. Der Akku lädt das Atrix auf, auch wenn es selbst nicht an der Steckdose hängt. Um auf dem Lapdock eine PC-Umgebung zu emulieren, bedient sich Motorola einer Software namens Webtop, die uns sehr an Ubuntu erinnert. Eigentlich verrückt, denn Chrome wäre hier viel naheliegender gewesen. Ist das Atrix eingeklinkt, stehen verschiedene Shortcuts zur Verfügung zu Telefon-Apps. Hingucker ist natürlich der Firefox-Browser, der auch als einzige App im Fullscreen-Modus läuft. Wer denkt, er könne jetzt seine Apps vom Smartphone auf feinen 11" steuern und bedienen, hat sich nämlich leider geschnitten. Das Telefon "läuft" in einem separaten Fenster, das man zwar auf dem gesamten Screen aufblasen kann, von der Auflösung her dann aber alles andere als vorzeigbar ist.

Motorola Atrix: Apps auf dem Lapdock

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Auch die Firefox-Performance kann höchstens als mittelmäßig bewertet werden, leider. Die Kombination aus Laptop-Gehäuse und Smartphone können wir uns generell als extrem nützlich vorstellen, im Falle von Motorola und dem Lapdock hat es uns aber eher an der Arbeit gehindert, als uns irgendwie effektiv nach vorne zu bringen. Neben der mittelprächtigen Performance des Atrix als Gehirn des Laptops, ist es vor allem das Trackpad, das uns fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Scrollen gehört nämlich nicht zu den Dingen, die man mit ihm machen kann. Um auf einer Website nach unten zu scrollen, muss man also tatsächlich die Scroll-Balken bemühen. Wo dann wieder die mittelmäßige Performance ins Spiel kommt, denn bevor man den Balken richtig getroffen hat, sind schon wieder wertvolle Sekunden vergangen. Klar, man kann sich hier auch mit einer Maus helfen, nur - ganz ehrlich -, ein Gerät weniger in der Tasche zu haben, ist uns immer recht.

Motorola Atrix: Lapdock

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Fazit

Das Atrix von Motorola ist ein gute Smartphone. Warum es so lange gedauert hat, bis es nach der Ankündigung auch bei uns in Deutschland in den Handel gekommen hat, weiß nur der heilige Moto, dass das aber alles andere als zielführend ist, ist ihm hoffentlich klar. Denn trotz Doppelprozessor, viel RAM und HDMI ist es mittlerweile nur noch ein Smartphone unter vielen mit ordentlichen Specs. Und leider hält das Lapdock nicht das, was es verspricht. Für mehr als 300 Euro sollte man das Telefon lieber Telefon sein lassen und sich ein Netbook kaufen, damit hat man mehr Freude. Das Atrix als Android-Smartphone können wir dennoch empfehlen. Der Prozessor leistet gute Arbeit, das Display ist wundervoll und wenn Motorola endlich seine Update-Politik ändert und damit beginnt, schneller neue Android-Versionen zu implentieren, wird das Atrix für lange Zeit gute Arbeit leisten. Natürlich nur, wenn man sich mit Motoblur anfreunden kann. Aber vielleicht gehört diese Skin bald sowieso der Vergangenheit an. Und so oder so: Es tut sich was. Außerdem: Mit einem Straßenpreis ohne Vertrag von rund 450 Euro kann das Atrix der Konkurrenz durchaus zeigen, was eine Harke ist.

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Review: Motorola Atrix mit Laptop- und Multimedia-Dock
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