BlackBerry-Fans müssen seit geraumer Zeit nicht mehr fremdgehen in Sachen Tablets, das Playbook, RIMs erster Gehversuch in dieser Richtung, ist mittlerweile auch in Deutschland erhältlich. Wie gut das Tablet angenommen wird, wie gut es sich also verkauft, darüber gibt es die unterschiedlichsten Behauptungen und Spekulationen, zuletzt war davon die Rede, dass 500.000 Geräte ausgeliefert wurden, über Abverkäufe schweigt man sich aus. Dabei wären gute Nachrichten aus Waterloo in Kanada so dringend notwendig, stattdessen sind die aktuellen Quartalszahlen alles andere als vielversprechend, es ist von 2.000 Entlassungen die Rede und einer strategischen Neuausrichtung. Inmitten dieses Schlamassels sitzt das Playbook, das 7"-Tablet, das als einziges Gerät von RIM bereits mit dem QNX-Betriebssystem läuft, das auch dem Smartphone-Geschäft wieder auf die Beine helfen soll. Das Playbook ist also eine Art Blick in die Zukunft des BlackBerry-Ökosystems. Ob es lohnt, sich darauf einzulassen? Lest unsere Review hinter dem Klick.

BlackBerry Playbook Unboxing

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HARDWARE
Das Design von Tablets steckt eigentlich noch in den Kinderschuhen. Daumen hoch oder Daumen runter ... diese Bewertung wird eher durch Faktoren wie Materialwahl für die Rückseite des Geräts, generelle Wertigkeit in den Händen und das Gewicht bestimmt. Das eigentliche Design von Tablets ist meist ausdruckslos und unscheinbar. Da macht das Playbook keine Ausnahme. Das 7"-Gerät ist einen Zentimeter hoch, 19 Zentimeter breit und wiegt 408 Gramm. Damit ist es natürlich leichter als das iPad 2 oder das Xoom von Motorola, ist ja aber auch kategorisch kleiner als die Tablets der Konkurrenz. Das Playbook ist eindeutig für eine horizontale Ausrichtung konzipiert. Die 3-Megapixel-Kamera prangt einfach zu prominent über dem Display und davon abgesehen, dass man bei beidhändiger Bedienung die Daumen wie automatisch auf den beiden Lautsprechern platziert, spricht absolut nichts dagegen. Die Anschlüsse und Knöpfe befinden sich auf der Ober- und Unterseite des Geräts und die matte, gummiartige Rückseite macht es praktisch unmöglich, das Playbook aus Versehen fallen zu lassen. Die generelle Verarbeitung des Tablets gefällt uns ausgesprochen gut, kein Knirschen, keine losen oder beweglichen Teile, das Playbook ist mehr als solide und dürfte böswilligen Anfeindungen problemlos widerstehen. Nicht dass wir es ausprobiert hätten. Wir mögen BlackBerry, immer noch.




Bleiben wir noch einen Moment bei den Anschlüssen. Auf der Oberseite befindet sich der An/Ausschalter, mit dem das Tablet aus in den Ruhezustand und wieder "aufgeweckt" wird. Daneben ist das Audio-Trio: laut, leise und Start/Stop. Schließlich ist auch der Kopfhörerausgang an der Oberseite angebracht. Der An/Ausschalter ist alles andere als ein Ruhmesblatt, ist er doch eindeutig zu tief im Chassis angebracht, so dass man schon merklichen Druck ausüben muss, um ein Ergebnis zu erzielen. Wir haben allerdings auch das Gefühl, dass RIM hier bereits nachgebessert hat, denn ganz so katastrophal wie das Urteil US-amerikanischer Kollegen, die das Tablet deutlich früher testen konnten, fällt unser Urteil dann doch nicht aus. Auf der Unterseite befinden sich ein Anschluss für ein Dock, der micro-USB- und HMDI-Anschluss.

DAS INNENLEBEN
Als RIM das Playbook im vergangenen Jahr ankündigte, waren die Specs noch weit vorne, heute sind 1GB RAM und ein 1GHz-Doppelkern-Prozessor eher der Standard. Auch der Rest gehört zum guten Ton der Industrie: WiFi (a/b/g/n), Bluetooth 2.1+EDR, GPS, digitaler Kompass und Gyroskop. Dazu kommt das 7"-Display mit einer Auflösung von 1024x600p. Viel wichtiger aber, und das haben wir spätestens beim Einzug von Doppelkern-Prozessoren in Smartphones gelernt, viel wichtiger ist die Abstimmung zwischen Hard- und Software. Und hier gibt es beim Playbook kaum etwas zu meckern. Apps starten amtlich schnell, Multitasking funktioniert ruckelfrei, das OS selbst verstolpert sich nur im Ausnahmefall. Einzig und allein der Browser scheint uns hinter der Konkurrenz in Sachen Geschwindigkeit hinterher zu hinken. Das Scrollen verursacht doch mehr Ruckler, als uns lieb ist und das allseits bekannte Karofeld bei einem schnellen Scrollen nach unten bleibt einen Tick zu lang sichtbar.

Dafür kommt das Playbook im Flash-Inhalten sehr überzeugend zurecht, auch 1080p-Videos verursachten keinerlei Probleme. Dargestellt werden die, wie alles andere, auf einem ganz und gar herrlichen Display mit kräftigen Farben. In Verbindung mit dem neuen OS von QNX, das bunter und deutlich freundlicher daherkommt als das, was wir von BlackBerry Smartphones gewohnt sind, garantiert das eine wirklich überzeugende User Experience. Und auch in Sachen Audio muss sich das Playbook nicht verstecken: Die beiden Lautsprecher haben uns positiv überrascht.

Der Erfolg eines Tablets steht und fällt nicht zuletzt mit der Laufzeit der Batterie. Auch hier gibt es Positives zu berichten: Sie läuft und läuft und läuft. Einen Tag lang haben wir das Playbook einfach liegen lassen, via Bluetooth mit dem BlackBerry Torch verbunden, so dass ständig E-Mails auf dem Tablet aufliefen. Am Ende dieses Tages betrug der Akkustand immer noch 96%, bei kontinuierlicher Benutzung haben wir irgendwann aufgegeben, das Playbook in die Knie zu zwingen. Verbaut ist ein Akku mit 5.300mAh Leistung, da darf man anständige Ergebnisse auch erwarten.


DIE KAMERAS
Auf der Rückseite des Playbooks befindet sich eine 5-Megapixel-Kamera, die außer eines manuellen Zooms leider jegliche Features vermissen lässt. Die Bildqualität bei guten Lichtverhältnissen ist in Ordnung, je schwieriger die Bedingungen aber werden, desto unerfreulicher werden die Ergebnisse. Das Playbook verfügt über keinen LED-Blitz und zumindest ein Autofokus hätte der Kamera gut getan. Die Kamera auf der Vorderseite verfügt über 3 Megapixel und ist damit für HD-Videochats fast schon ein bisschen überambitioniert. Zumal das Playbook mit keiner entsprechenden Software ausgeliefert wird, die über die Kommunikation von Playbook zu Playbook hinausgeht. Bis auf weiteres kann man mit dieser Kamera also die qualitativ besten Selbstportraits auf einem Tablet machen, sonst leider nicht viel.


DAS BETRIEBSSYSTEM
Wie bereits erwähnt, ist das Playbook das erste Gerät von RIM, das mit dem QNX-Betriebssystem läuft, dazu kommen Design-Tweaks von The Astonishing Tribe, einem Design-Büro, das von RIM einverleibt wurde. QNX ist ein großer und wichtiger Schritt für RIM, wirklich innovativ ist es allerdings nicht. Um die Navigation zu verstehen, die Teile, die sich nicht sowieso von selbst erklären, dürften sich hier alle zu Hause fühlen, die bereits Erfahrungen mit webOS gemacht haben. Die Ähnlichkeiten sind tief und umfassend. Da ist zunächst die Organisation der Apps, die auf dem Playbook, wie bei webOS, in einer Kartenansicht verwaltet werden. So lässt sich schnell und komfortabel zwischen geöffneten und aktiven Programmen hin- und herwechseln. Die wichitigen Gesten sind schnell verstanden. Essentiell ist der Swipe von unterhalb des Displays, hinauf auf den Screen. Der öffnet die schon erwähnte Kartenübersicht und bringt gleichzeitig die wichtigsten Apps zum Vorschein, schön arrangiert am unteren Bildschirmrand. Ein weiterer Swipe öffnet dann die gesamte App-Übersicht. Diese Übersicht verfügt am oberen Rand über verschiedene Kategorien (Alle, Favoriten, Medien, Spiele, BlackBerry Bridge). Wischt man diese Zeile nach unten, wird die Ansicht wieder minimiert und man sieht wieder die offenen Karten. Ein Swipe vom oberen Rand des Tablets in Richtung Bildschirm öffnet die Settings des Geräts, also WiFi, Speicher, Updates, Sicherheit etc.. Wichtig dabei ist, dass die Swipes immer schon im Bildschirmrahmen beginnen müssen, sonst werden die Gesten vom Playbook nicht registriert. Der Rahmen ist essentieller Teil der Navigation. Daher ist er auch nicht so knapp bemessen wie bei anderen Geräten mit anderen Betriebssystemen.
Wer sich den Umweg über die Kartenansicht sparen will, um die App zu wechseln, kann auch mit einem beherzten Swipe von links oder rechts auf den Bildschirm durch die Programme steppen. Das funktioniert gut. Besser sogar als der Wechsel zwischen Apps in der Kartenansicht, denn sind viele Programme offen, das Kartenkarusell also entsprechend umfangreich, ist es manchmal schwierig, die richtige "Ausfahrt" zu erwischen.

Dennoch wollen wir festhalten: QNX ist ein gelungener Neustart für RIM. Und dass nach wie vor am OS gearbeitet wird, haben wir am eigenen Leib erfahren. System-Updates trudelten fast täglich auf dem Playbook ein, die Updates haben eine Größe von ca. 350 MB und erfordern einen Neustart des Tablets. Der zieht sich, ein bisschen Zeit sollte man also schon einplanen. Diese Updates scheinen auch wichtig zu sein, denn dem Playbook fehlen nach wie vor wichitge, native Apps.




E-MAIL & DIE BLACKBERRY BRIDGE
Es ist schon ein Schocker. Das Playbook hat keine eigene E-Mail, App, keine Kalender- und Kontakt-Integration. Ebenfalls nicht am Start: Notizen und BBM, der BlackBerry Messenger. Diese Dienste, Herz und Nieren aller BlackBerry-Smartphones, können nur in Verbindung mit - richtig - einem Telefon von RIM auf dem Tablet betrieben werden. Apps sind zwar in der Entwicklung und angekündigt, wann sie zur Verfügung stehen werden, ist im Moment aber unklar. Um die Dienste zu nutzen, muss man sich der BlackBerry Bridge bedienen, die die Inhalte des Smartphones auf dem Tablet spiegelt. Die Installation was alles andere als ein Vergnügen. Auf dem Telefon muss die Bridge aus der App World geladen werden, dann werden beide Geräte über Bluetooth gekoppelt.

Im dritten Anlauf hat das dann auch geklappt, den einen oder anderen Fluch konnten wir uns dabei aber nicht verkneifen. Allerdings: Die Verbindung brach nicht ein einziges Mal ab, nachdem die beiden Geräte schließlich miteinander redeten. Das E-Mail-Prgramm auf dem Playbook geht in Sachen Design völlig in Ordnung und ist gut nutzbar. Richtig überzeugend ist diese Lösung aber natürlich nicht. Ein BlackBerry-Gerät ohne E-Mail, das ist so, als würde Apple ... nein, da wird kein Schuh draus. Es ist schlicht und einfach ein Frevel. User ohne Smartphone von RIM müssen sich mit Webmail behelfen. RIM versucht das zu kaschieren, in dem "Apps" für AOL- und Yahoo!-Mail installiert sind, die sich aber leider nur als Shortcuts in den Browser entpuppen.

DIE RESTLICHEN APPS
Das Playbook ist Software-seitig relativ bescheiden ausgestattet, wenn man es das erste Mal in Betrieb nimmt. Browser, Facebook, Fotos/Galerie, YouTube, Musik, ein Taschenrechner, Bing Maps und ... Ende. Stimmt nicht, ein Sprachrekorder und Tetris und Need For Speed zum Zeitvertreib sind auch installiert. Die E-Books kommen von Kobo und diese App ist deutlich besser als die iOS-Version. Die BlackBerry App World präsentiert sich unübersichtlich und unaufgeräumt, wirklich viel nützliche Apps finden sich hier nicht. Dafür scheint aber das Preisniveau deutlich gesunken zu sein im Vergleich zum Start dieses Dienstes. Immerhin. E-Books lassen sich hervorragend lesen auf dem Playbook, die Musik-App geht völlig in Ordnung und auch der MP3-Laden (7digital) hat ein vertrebares Angebot. An der App World haben wir sehr schnell das Interesse verloren und so vertreibt man sich die Zeit mit den Basics. Videos (traumhaft), Browser (ok) und den nötigen Übeln wie E-Mails. Und da stellt man sich irgendwann die Frage: Schön und gut, aber das kann doch nicht alles sein. Aktuell ist es aber leider so und so kommen wir wieder mal zum Pudels Kern: Ein Tablet ist nur so gut wie das Ökosystem, mit dem es verzahnt ist. Hier muss RIM dringend aufholen.


FAZIT
Das Playbook von RIM ist in Sachen Hardware und UI ein gelungener Einstieg. QNX gefällt uns so gut, dass wir inständig hoffen, es bald auch auf Smartphones erleben zu können. Für Consumer stellt sich aber früher oder später die Frage, was man mit dem Tablet denn anstellen soll. Aus aktueller Perspektive ist das Playbook eher ein Begleit-Gerät für BlackBerry-Nutzer, die entweder auch einfach ein Tablet haben wollen und ab und zu auf das größere Display zurückgreifen, oder aber wirklich minimale Anforderungen haben. Dieses Konzept wird mittelfristig nicht aufgehen, zumal 479 Euro für das Modell mit 16GB Speicher auch nicht gerade preiswert sind. Abwarten, wie und vor allem wann RIM die neue Produktkategorie voranbringen wird. In Sachen Größe, 3G, einer E-Mail-App, die auch ohne Smartphone funktioniert, und vor allem, Programmen, die zumindest versuchen, den Anschluss zu finden.

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Review: BlackBerry Playbook
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